Wie der Nationalsozialismus
im Odenwald möglich wurde

Warum machten Menschen mit? Welche Rolle spielten lokale Behörden? Und was geschah nach 1945 mit den Verantwortlichen? Fragen wie diesen widmet sich Dirk Strohmenger in einer grundlegend erweiterten Studie zur Geschichte des Nationalsozialismus im hessischen Odenwald.

Landrat Frank Matiaske empfiehlt das vom Kreisarchiv herausgegebene Buch zur Lektüre: “Politische Entwicklungen werden immer auch vor Ort geprägt. Die Studie macht lokale Verantwortung sichtbar, beleuchtet die Schicksale der Menschen und richtet den Blick auf den schwierigen Umgang mit der Vergangenheit nach 1945. Damit leistet sie einen sehr wertvollen Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur und zum Verständnis unserer Geschichte.“

Strohmenger zeigt auf, warum sich die Geschichte des Nationalsozialismus nicht allein anhand der Entscheidungen der politischen Führung erklären lässt, sondern auch vor Ort – in Behörden, Gemeinden und gesellschaftlichen Strukturen – erforscht werden muss. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, warum Menschen Teil des NS-Systems wurden und wie dessen Herrschaft gesellschaftlich funktionierte. “Es war mein Anliegen, im Lokalen das große Ganze begreifbarer zu machen”, so Strohmenger.

Der Buchtitel
© Stefan Toepfer/Kreisverwaltung

Anhand der Analysemodelle der „Volksgemeinschaft“ und der „Gefolgsgemeinschaft“ untersucht Strohmenger sowohl die Mechanismen von Zugehörigkeit und Mitmachen als auch Terror, Ausgrenzung und Verfolgung. Die Studie zeichnet zudem das organisatorische Netzwerk der NSDAP in den Gemeinden und Städten des hessischen Odenwalds nach und dokumentiert die Namen lokaler und kreisweiter Funktionsträger. Zugleich wird die Rolle des Landratsamts und der Bürgermeistereien im lokalen Machtgefüge analysiert.

Die erste Ausgabe des Buches war im Januar 2016 erschienen und aufgrund des großen, weit über die Region hinausreichenden Interesses rasch vergriffen. Die Arbeit wurde 2016 mit dem Wissenschaftspreis „Hessische Geschichte und Landeskunde“ ausgezeichnet.

Die nun vorliegende Ausgabe, die von der Stiftung der Sparkasse Odenwaldkreis gefördert wurde, ist weit mehr als eine Neuauflage: Sie erweitert den Untersuchungszeitraum bis 1950 und beleuchtet damit auch die ersten Jahre nach Kriegsende, insbesondere die bislang vergleichsweise wenig erforschte Entnazifizierung im hessischen Odenwald.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den individuellen Schicksalen der Menschen, die unter der NS-Herrschaft lebten und litten. Mit präzisen Daten und regionalen Quellen zeichnet sie die Entwicklungen von den frühen 1920er-Jahren über die Etablierung und Festigung der NS-Herrschaft bis 1939 nach. Für die Kriegsjahre werden unter anderem Alltagsgeschehen, Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft untersucht. Statistisches Material zu den Spruchkammerverfahren ergänzt die Analyse bis 1950 und ermöglicht einen differenzierten Blick auf die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nach Kriegsende.

Rund 300 historische Originalaufnahmen und mehr als 100 für das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen aufbereitete Datensätze machen die Ergebnisse anschaulich und für weitere Forschungen nutzbar.

Landrat Matiaske dankte Strohmenger für sein großes Engagement bei der Erforschung der NS-Zeit im Odenwald, aber auch Anja Hering. Die frühere Leiterin des Kreisarchivs hat das Buch lektoriert. “Die Studie richtet den Blick auf eine entscheidende Frage, die über den Odenwald hinausweist: Wie entsteht gesellschaftliche Zustimmung zu einem Unrechtsregime – und was bleibt von dessen Strukturen, wenn es zusammenbricht?”, so Landrat Matiaske.  Angesichts der anhaltenden Aktualität von Antisemitismus und autoritären Entwicklungen weltweit erhalte die historische Aufarbeitung eine besondere Bedeutung.

Das 600 Seiten starke Buch mit dem Titel “Gefolgsgemeinschaft” ist ab der nächsten Woche (9.11.) für 39 Euro im Buchhandel erhältlich, aber auch im Kreisarchiv und im Bürgerservice des Landratsamts, beides Michelstädter Straße 12 in Erbach.