Von A wie Amtsarzt bis Z wie Zahngesundheit

Für andere verantwortlich sein, Regeln kennen und durchsetzen, schnell Entscheidungen treffen – Eren Dagdelen weiß seit seiner Jugend, was das heißt. Damals, als er mit 14 Jahren Schieds- und Linienrichter für den Fußballverband Mittelrhein wurde. Acht Jahre lang hat er Spiele geleitet oder war Schiedsrichter-Assistent. Auch wenn er schon lange Pfeife und Fahne gegen Stethoskop und Spritze eingetauscht hat, will der Mediziner diese Zeit nicht missen: „Das waren tolle acht Jahre, in denen ich viel herumgekommen bin.“

Mittlerweile ist er 46 Jahre alt. Aber die Tugenden von einst helfen ihm auch jetzt. Denn auch als kommissarischer Leiter des Gesundheitsamts des Odenwaldkreises ist Eren Dagdelen für andere da, setzt (gesetzliche) Regelungen um und findet rasch Lösungen, wenn es nötig ist. „Eine spannende, weil sehr vielseitige Aufgabe“, sagt er. „Sie reicht von A wie amtsärztliche Gutachten bis Z wie Zahngesundheit bei Kindern.“

Dagdelen ist Nachfolger von Dr. Antje Siebel, die das Gesundheitsamt bis Ende 2025 geleitet hatte. Die beiden lernten sich während der Corona-Pandemie kennen. Siebel hatte die ärztliche Aufsicht über das Impf-Zentrum in Erbach, in dem Dagdelen als Impfarzt tätig war. Als das Gesundheitsamt einen Arzt suchte, bewarb er sich und wurde im Oktober 2021 eingestellt. Dass Dagdelen die Amtsleitung bisher lediglich kommissarisch innehat, liegt daran, dass er die Weiterbildung zum Facharzt im Öffentlichen Gesundheitswesen noch nicht abgeschlossen hat. „Damit bin ich aber in diesem Jahr fertig.“ So hat die zuständige Landesbehörde eine Ausnahme für die Besetzung der Leitungsstelle gemacht.

Der Erste Kreisbeigeordnete Oliver Grobeis und Hauptabteilungsleiter Bernhard Hering, zu dessen Bereich das Gesundheitsamt gehört, freuen sich, mit Dagdelen einen engagierten Mediziner an Bord zu haben: „Er ist ein kompetenter Arzt und arbeitet zugunsten der Bevölkerung für einen starken Öffentlichen Gesundheitsdienst im Odenwaldkreis.“

Amt mit sehr breiten Aufgabenspektrum

Bilder von Kindern zum Thema Zahngesundheit
Farbenfoh: Bilder von Kindern im Flur des Gesundheitsamts, vor allem zum Thema Zahngesundheit

Die Liste der Aufgaben ist tatsächlich lang. Sie reicht vom Schreiben amtsärztlicher Gutachten (zum Beispiel zur Erwerbsfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit) über den Infektionsschutz (Maßnahmen bei meldepflichtigen Erkrankungen) und die Hygienekontrolle (etwa in Pflegeheimen oder Arztpraxen) bis zur Kinder- und Jugendgesundheit (bei Einschulungsuntersuchungen und Zahngesundheitsprophylaxe in Schulen).

„Die Präsenz in Schulen ist wichtig“, hebt Grobeis hervor, der auch Bildungsdezernent ist. „Damit ist das Gesundheitsamt an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Gesundheit, Familie und Bildung tätig.“ Die Lage der Gesundheit von Kindern im Odenwaldkreis ist auch Schwerpunkt des ersten Gesundheitsberichts, der bis Ende 2026 fertig sein soll und den Dagdelen gemeinsam mit der Gesundheitsmanagerin des Kreises, Anika Schilder, erstellt, die in der Stabsstelle des Landrats tätig ist.

Genauso gehören Pandemieplanungen wie bei Corona, Stellungnahmen im Fall von gesetzlichen Betreuungen und der Sozialpsychiatrische Dienst zum Aufgabenspektrum des Gesundheitsamts. „Der Bedarf an Beratung psychisch kranker und suchtkranker Menschen sowie deren Angehörigen ist größer geworden“, so Dagdelen.

Auch in der Gesundheitsförderung ist das Amt tätig; hier arbeitet es ebenfalls eng mit Gesundheitsmanagerin Schilder zusammen. Schließlich werden im Gesundheitsamt sportmedizinische Untersuchungen für junge Sportlerinnen und Sportler angeboten.

Als „Generalist“ den Überblick haben

Dagdelen ist nicht in all den Feldern selbst als Arzt aktiv eingebunden. Den Überblick muss er trotzdem behalten, was regelmäßige Sitzungen mit seinen beiden ärztlichen Kolleginnen und seinem ärztlichen Kollegen sowie mit den weiteren Mitarbeitenden bedeutet. Zu diesen zählen vor allem Medizinische Fachangestellte und Verwaltungsfachangestellte. Dagdelen selbst hat wie sein ärztlicher Kollege eine Vollzeitstelle, die Ärztinnen arbeiten in Teilzeit.

Ein Urinproben-Set im Gesundheitsamt
Utensilien für eine Urinprobe: Sie werden benötigt, wenn jemand für eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) einen Nachweis für eine Alkohol- und/oder Drogenabstinenz braucht.

„Als kommissarischer Amtsleiter kommt mir zupass, dass ich schon von meiner Aus- und Weiterbildung her ein Generalist bin“, sagt Dagdelen. Die Liste seiner Famulaturen, Fortbildungen und beruflichen Stationen ist tatsächlich lang. Als Arzt approbiert ist er seit Juli 2010, nachdem er sein Studium an der Universität zu Köln mit dem Staatsexamen abgeschlossen hatte. In Köln ist Dagdelen auch aufgewachsen. In mehreren Kliniken war er Assistenzarzt der Chirurgie, von 2018 bis 2019 im Odenwälder Kreiskrankenhaus. Er kennt aber auch andere Bereiche, etwa die Notfallmedizin, die Anästhesie oder die Radiologie.

„Eigentlich wollte ich Chirurg werden“, sagt Dagdelen. „Aber die Corona-Pandemie hat mir damals die noch fehlenden Ausbildungsschritte unmöglich gemacht. Und dann habe ich mich anders orientiert und bin mit meiner Tätigkeit hier im Gesundheitsamt sehr zufrieden.“ Einbringen kann er auch eine weitere Qualifikation. Vor seinem Studium hatte er bei der Deutschen Welle in Köln eine Lehre zum Bürokaufmann abgeschlossen und danach dort ein Jahr lang in der Finanzabteilung gearbeitet. „Mir ist Verwaltung also auch nicht ganz fremd.“

Finanzen, Fachkräfte: Kreis setzt sich für Öffentlichen Gesundheitsdienst ein

Grobeis, Hering und Dagdelen ist ein leistungsfähiger Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) wichtig. „Die entsprechenden Bekenntnisse während der Corona-Pandemie dürfen jetzt nicht vergessen werden“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete mit Blick auf den „Pakt ÖGD“. Das ist eine Bund-Länder-Initiative zur Stärkung der Gesundheitsämter, die 2021 aufgelegt worden war. Grobeis sagt, das Programm dürfe Ende 2026 nicht auslaufen. „Wir kämpfen dafür, dass es diese Mittel auch darüber hinaus gibt. Sonst müssen wir Leistungen, die dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung dienen, zurückfahren oder sogar ganz einstellen.“

Der Einsatz des Kreises hat noch eine zweite Säule: die Gewinnung ärztlicher Fachkräfte über eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Öffentliches Gesundheitswesen der Frankfurter Goethe-Universität. Dort gibt es für Studierende das Schwerpunktcurriculum Bevölkerungsmedizin. Damit verbunden sind auch kürzere Hospitationen beziehungsweise vierwöchige Famulaturen oder eine bestimmte Zeit des Praktischen Jahres. „Wir sehen in diesem Curriculum gute Chancen, mehr Ärztinnen und Ärzte für den ÖGD zu gewinnen und bieten hier gerne Plätze an“, so Hauptabteilungsleiter Hering.