Der Odenwaldkreis ist ohne Landwirtschaft nicht zu denken. Doch Landwirtschaft bedeutet heute weit mehr, als Felder zu bewirtschaften und Tiere zu halten. Landrat Frank Matiaske macht auf das große Ganze aufmerksam: „In einer globalisierten Welt stehen unsere Bäuerinnen und Bauern im Wettbewerb mit Betrieben aus Ländern, in denen oft zu deutlich niedrigeren Löhnen produziert wird, geringere Umweltstandards gelten oder Flächen günstiger sind.“ Hinzu komme, dass der Lebensmitteleinzelhandel zunehmend von wenigen großen Discountern dominiert werde, die durch ihre Marktmacht Preise vorgäben und damit zusätzlichen Druck auf die Erzeuger ausübten.
Vor diesem Hintergrund sieht Landrat Matiaske in Subventionen und Fördermitteln für die Landwirtschaft ein wichtiges Instrument: „Ohne Unterstützung wäre es für viele heimische Betriebe kaum möglich, dauerhaft kostendeckend zu wirtschaften – mit spürbaren Folgen für uns alle: Lebensmittel würden stärker von internationalen Märkten abhängig, Transportwege würden länger, die regionale Versorgung würde unsicherer.“
Im Landratsamt ist die Abteilung Landwirtschaft und Landwirtschaftliche Förderung mit Annett Sliwa als Abteilungsleiterin für das Fördermittelmanagement zuständig. Der Dezember liegt gerade hinter ihr und ihrem Team. „Das ist immer ein sehr arbeitsintensiver Monat, weil wir dann die Auszahlung von Fördermitteln veranlassen“, schildert sie. Es geht insgesamt um rund fünf Millionen Euro, die an gut 600 Antragsteller im Odenwaldkreis fließen – Mittel der Europäischen Union, des Bundes und des Landes Hessen. „Geld, das vor allem die Haupterwerbsbetriebe dringend brauchen“, so Sliwa.
„Fördermittel sind kein Selbstzweck“, bekräftigt Landrat Matiaske. „Sie schaffen faire Rahmenbedingungen und sorgen dafür, dass in Deutschland weiterhin Landwirtschaft betrieben werden kann – zuverlässig, unter hohen Qualitäts- und Umweltstandards und in erreichbarer Nähe zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.“ Davon profitiere die gesamte Gesellschaft: durch stabile Preise, eine sichere Versorgung auch in Krisenzeiten, den Erhalt regionaler Wertschöpfung und den Schutz der Kulturlandschaft.
„Unsere Landwirtinnen und Landwirte leisten jeden Tag Enormes“, unterstreicht der Landrat. „Und das Landratsamt ist ein verlässlicher Partner, der sie in vielen Belangen unterstützt.“
Fördermittel-Lotsen mit viel Know-how
Es gibt sehr viele verschiedene Förderprogramme, von der sogenannten Ausgleichzulage über das Programm „Direktzahlung“ mit seinen Untervarianten bis hin zur Unterstützung landwirtschaftlicher Bauten wie neuer Ställe oder der Einrichtung von Ferienwohnungen auf Bauernhöfen. Auch die Umstellung von konventionellen Betrieben auf eine ökologische Wirtschaftsweise beziehungsweise die Beibehaltung der ökologischen Bewirtschaftung kann gefördert werden.
„Unsere Expertinnen und Experten kennen sich sehr gut in den Förderprogrammen aus und können Ratsuchende lotsen“, so Landrat Matiaske. Hinter der so genannten Direktzahlung, die von den meisten Betrieben beantragt werden kann, verbergen sich die Grundzahlung für die Bewirtschaftung von Flächen, aber auch viele Unterprogramme wie zum Beispiel die Junglandwirteförderung, aber auch die sogenannten Öko-Regelungen – die aber nicht mit dem Ökologischen Landbau verwechselt werden dürfen. Ein Beispiel ist die Regelung „Vier Kennarten“. Hier werden Landwirte belohnt, die ihre Wiesen besonders artenreich bewirtschaften: Auf jeder geförderten Fläche müssen mindestens vier typische Pflanzenarten vorkommen. Dazu kommen noch Förderungen für Mutterkühe und Mutterschafe beziehungsweise Mutterziegen.
„Man sieht schnell, welchen Beratungsbedarf es hier gibt“, so Sliwa. „Für welchen Betrieb ist welches Programm samt Untervarianten geeignet? Welche Verpflichtungen kann man miteinander kombinieren, welche schließen sich aus? Was ist für die Bewirtschaftung überhaupt sinnvoll? Bei all diesen Fragen helfen wir gerne.“
Die Mittel selbst werden von der WIBank, der Förderbank des Landes Hessen, vergeben. Landrat Matiaske sitzt für die hessischen Landkreise und den Hessischen Landkreistag im landwirtschaftlichen Beirat der Bank und weiß, dass Förderprogramme mitunter kompliziert sind. „Umso wichtiger ist eine gute Beratung durch uns.“ Er bringt Rückmeldungen aus der Landwirtschaft regelmäßig in die Beiratssitzungen ein.
Aktuell rund 600 landwirtschaftliche Betriebe
Im Odenwaldkreis werden aktuell 17.000 Hektar von 149 landwirtschaftlichen Betrieben im Haupt- und 446 Betrieben im Nebenerwerb geführt, also insgesamt rund 600. Etwa 80 Prozent der Betriebe betreiben Viehwirtschaft. 35 Betriebe sind zertifizierte Biobetriebe.
Im Jahr 1976 gab es noch 1800 Betriebe. Im Jahr 2006 war die Zahl bereits auf 720 Betriebe zurückgegangen. „Diese Tendenz ist nicht nur im Odenwald zu beobachten. Immer mehr Betriebe werden entweder aufgegeben oder von Haupterwerb auf Nebenerwerb umgestellt“, schildert Sliwa. Auch die Milchviehhaltung ist tendenziell rückläufig.
Immer wieder wird die Fachabteilung auch bei anstehenden Betriebsübergaben um Beratung gebeten. „Das tun wir gerne, können aber nur eine Beratung anbieten, die sich direkt auf unsere Arbeitsgebiete bezieht“, so Sliwa. Sie und ihr Team bemühen sich aber, in größere Abständen entsprechende Veranstaltungen anzubieten.
Sliwas Abteilung arbeitet auch eng mit der kreisweiten Vertretung der Landwirtschaft zusammen, dem Gebietsagrarausschuss. Die Abteilung ist dessen Geschäftsstelle. Vorsitzender des Gremiums, zu dem insgesamt 16 Mitglieder gehören, ist Kreislandwirt Hans Trumpfheller.
Unterstützung bei digitalen Verfahren
Immer wichtiger in der Beratungsarbeit in punkto Fördermittel ist das Thema Digitalisierung geworden. Gemäß den Vorgaben der Europäischen Union können Anträge seit 2023 nur noch digital gestellt werden. „Wer morgens um fünf im Stall steht oder den ganzen Tag auf dem Feld arbeitet, hat abends oft weder Zeit noch Nerven, sich durch komplizierte Online-Anträge zu kämpfen“, gibt Landrat Matiaske zu bedenken. „Deswegen bieten wir hier richtigerweise viel Beratung an.“
„Außerdem führen wir jährlich Informationsveranstaltungen durch, auch zu anderen wichtigen Neuerungen“, fügt Sliwa hinzu. Sie freut es, dass ihr die Landwirtinnen und Landwirte der Abteilung immer wieder für die Vermittlung und Verständigung danken.
Die Digitalisierung nimmt auch im Zusammenhang mit dem Nachweis der Einhaltung fachrechtlicher Vorgaben und der Beantragung von Genehmigungen zu. Das sind zum Beispiel Bestimmungen zur Tierhaltung, Düngung sowie Bauvorschriften. Die Fachabteilung kontrolliert, ob die Vorgaben befolgt werden. „Aber immer gepaart mit Beratung, gerade mit Blick auf die vorgeschriebenen digitalen Verfahren“, so Sliwa. Die entsprechenden Vorschriften kommen von der EU, vom Bund und dem Land.
Für eine enge Verbindung von Erzeugern und Verbrauchern
Die Abteilung widmet sich aber auch dem Dialog zwischen Erzeugern und Verbrauchen. So zielt das Projekt „Bauernhof als Klassenzimmer“ darauf ab, jungen Menschen das Leben auf dem Bauernhof näherzubringen und ihnen das Wissen über die Herkunft ihrer Lebensmittel zu vermitteln. „Viele Kinder wissen heute nicht mehr, wie Landwirtschaft funktioniert“, so Landrat Matiaske. „Der direkte Kontakt zu Bäuerinnen und Bauern, ihren Tieren und der Natur stärkt die Wertschätzung für die Landwirtschaft, für heimische Produkte und deren nachhaltige Erzeugung.“ Das Projekt wird vom Kreis finanziell unterstützt.
Auch eine starke Direktvermarktung von landwirtschaftlichen Produkten im Odenwaldkreis ist Landrat Matiaske und Abteilungsleiterin Sliwa wichtig. Ihre Abteilung begleitet die Betriebe dabei. Konsumenten können regionale Lebensmittel vielerorts direkt vom Erzeuger kaufen – sei es in einem Hofladen oder über Verkaufsautomaten. „Die Odenwälder Direktvermarkter setzen auf Qualität und Transparenz“, so Landrat Matiaske. „Die Produkte stammen aus der Region, was kurze Transportwege bedeutet und den CO₂-Ausstoß reduziert. Zudem unterstützt der Kauf bei Direktvermarktern die lokale Landwirtschaft.“
Viele Direktvermarkter bieten auch die Möglichkeit, mehr über die Produktionsprozesse zu erfahren – etwa durch Hofführungen und Bauernmärkte. „So können Verbraucher und Landwirte in einen Dialog treten und gegenseitiges Verständnis aufbauen“, sagt Sliwa.
Landwirtschaftliche Tradition in Reichelsheim
Ihre Abteilung sitzt in der Außenstelle der Kreisverwaltung in Reichelsheim – einem Gebäude mit landwirtschaftlicher Geschichte. 1947 wurde es als Landwirtschaftsschule im Rahmen des Marshallplans errichtet. „Ich arbeite sehr gerne hier“, sagt Annett Sliwa. „Das Haus hat einen großen Charme.“
Auch wenn dort längst kaum noch Unterricht stattfindet (außer Ausbildungskursen für Nebenerwerbslandwirte durch den Landesbetrieb Landwirtschaft), ist der Auftrag bis heute derselbe geblieben: Unterstützung der Landwirtschaft und Stärkung des ländlichen Raums. Ursprünglich war die Tätigkeit eine Aufgabe des Landes Hessen, seit 2005 ist die Abteilung Teil der Kreisverwaltung. Untergebracht sind in dem Gebäude auch die beiden Abteilungen Dorf- und Regionalentwicklung sowie Veterinärwesen und Verbraucherschutz, außerdem Teile der Abteilung Umwelt, Naturschutz und Landschaftspflege.
