Bildung öffnet Türen. Das wissen auch jene neun jungen Erwachsenen, die unbedingt den Realschulabschluss nachholen wollen. Vier Mal in der Woche trifft sich die Klasse in der Theodor-Litt-Schule in Michelstadt. Heute steht Gesellschaftskunde auf dem Stundenplan – und ein Gespräch mit Oliver Grobeis, dem Ersten Kreisbeigeordneten und Bildungsdezernenten. Er möchte sich gerne ein Bild vor Ort machen, schließlich wird der Unterricht von der Volkshochschule (VHS) Odenwaldkreis angeboten, für die Grobeis zuständig ist. Begleitet wird er von Markus Dörr, der das Team der VHS leitet.
„Ich freue mich sehr, dass Sie sich auf den Abschluss vorbereiten“, sagt Oliver Grobeis zu den Teilnehmenden. „Denn mir liegt sehr viel daran, dass wir die Chancen von Menschen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erhöhen. Genau das tut die VHS mit diesem Kurs.“ Insgesamt haben seit dem Jahr 2021 rund 130 junge Leute den Kurs zum Erwerb des Realschulabschlusses bei der VHS besucht. „Das ist ein großer Erfolg“, bilanziert Grobeis die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre. „Diesen Weg wollen wir fortsetzen.“
Auch die jungen Leute in dem aktuellen Kurs haben zwar früher schon einmal eine Realschule besucht, aber aus verschiedensten Gründen ohne den Abschluss in der Tasche. Das soll sich jetzt ändern. Grobeis und Dörr freuen sich über das Engagement der jungen Leute genauso wie Ina Bottelberger, die die Klasse in Biologie und Gesellschaftskunde unterrichtet.
Was den Erwerb von Schulabschlüssen angeht, hat sich die VHS nach dem Angebot von Hauptschulkursen mehr und mehr auf Realschulkurse fokussiert. Vor allem deswegen, weil sie die einzige ist, die Lehrgänge zum Realschulabschluss in Südhessen anbietet und deswegen vom Staatlichen Schulamt darum gebeten wurde, diese Initiative fortzuführen, wie Dörr schildert. „Das tun wir sehr gerne“, sagt er. „Wir sehen in dem aktuellen Kurs, aber auch in den vorangegangenen Lehrgängen, wie ernst es den Teilnehmenden mit dem Abschluss ist.“
Ein Lehrgang dauert etwa ein Jahr. Natürlich kann man in dieser Zeit nicht den ganzen Stoff der neunten und zehnten Klasse einer Realschule nachholen. „Den Teilnehmenden ist klar, dass wir auf vorhandenem Wissen aufbauen müssen“, so Dörr. Mit jedem von ihnen wird vor Kursbeginn ein Gespräch geführt, in dem es außer um den Wissensstand auch um die Motivation geht. Unterrichtet werden die Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik, Biologie und Gesellschaftskunde. Im aktuellen Kurs, der noch bis Juni 2026 dauert, sind drei Dozentinnen dafür verantwortlich – außer Ina Bottelberger unterrichten Miriam Fischer und Sophia Papachristos. Grobeis dankt ihnen für ihren Einsatz: „Es sind besondere Klassen, die bei uns zusammenkommen, und das erfordert auch eine besondere Pädagogik.“
Neues Engagement in beruflicher Qualifikation
Die Schulkurse sind nicht das einzige Angebot der VHS für bessere Chancen von Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Ab Mai 2026 soll es eine mehrmonatige Qualifizierungsmaßnahme für Maschinen- und Anlagenführer geben. Die Zertifizierung des Lehrgangs steht kurz vor dem Abschluss.
Ziel dieser Qualifikation ist, dass ungelernte Beschäftigte Fachkräfte werden – vor allem in der Kunststoff- und Kautschukindustrie, die im Odenwaldkreis stark vertreten ist. Geplant ist, dass Beschäftigte die 130 Stunden umfassende Weiterbildung mit Bildungsgutscheinen der Bundesagentur für Arbeit absolvieren können. Die VHS ist bereits ein anerkannter Träger für die Durchführung von Lehrgängen mit Bildungsgutscheinen. Die Prüfung wird dann bei der Industrie- und Handelskammer abgelegt.
Zu diesem Engagement passt das Vorhaben der VHS, den Kontakt zu Unternehmen auszuweiten, so dass Mitarbeitende auch in anderen Kursen ihre Kompetenzen erweitern können, zum Beispiel Deutschkenntnisse oder berufliche Kenntnisse und Fähigkeiten. „Wir würden die Bildungspartnerschaften mit Firmen gerne ausbauen“, sagt Dörr, der dazu demnächst auf die Industrievereinigung Odenwaldkreis zugehen will. „Berufsnahe Angebote sind gemeinsam mit den Schulkursen eine wertvolle Ergänzung zu den anderen Kursen, mit denen wir seit jeher eine breite Bildung im Odenwaldkreis sicherstellen“, betont der Erste Kreisbeigeordnete.
Mehr als 3.000 Teilnehmende in 625 Kursen
Organisatorisch ist die VHS eine Abteilung des Landratsamts. Im vergangenen Jahr hat sie insgesamt 625 Kurse mit rund 10.000 Unterrichtseinheiten angeboten, zu denen sich rund 3.000 Teilnehmende angemeldet hatten. „Das sind sehr gute Zahlen“, so Markus Dörr. Schon seit zwei Jahren kann die VHS wieder so viele Kurse anbieten wie in der Zeit vor der Corona-Pandemie. Während der pandemiebedingten Einschränkungen war das Programm nahezu ganz zum Erliegen gekommen. Diese Entwicklung ist vor allem insofern wichtig, als dass die VHS auf Präsenzkurse setzt. Es gebe zwar auch Online-Angebote, so Dörr. „Aber unser Kerngeschäft sind Lehrgänge in Präsenz; das ist es auch, was sich die Teilnehmenden wünschen.“
Wie Dörr berichtet, ist die Nachfrage zurzeit vor allem für Kurse aus dem Bereich Sport / Fitness / Freizeit groß. Demgegenüber hat das Interesse am Lernen von Fremdsprachen oder von IT-Anwendungen eher abgenommen. „Hier gibt es immer wieder unterschiedliche Phasen, aber insgesamt sind wir sehr zufrieden damit, wie unsere Kurse angenommen werden.“
Gestemmt wird der ganze VHS-Betrieb von fünf Mitarbeitenden, einschließlich Dörr. „Andere Volkshochschulen mit vergleichbarem Angebot haben durchaus mehr Mitarbeitende“, so Grobeis. „Deswegen danke ich unserem VHS-Team ganz besonders für seine hervorragende Arbeit.“ Ihren Sitz hat die VHS im „Haus der Bildung und Beratung“, in dem die entsprechenden Abteilungen der Kreisverwaltung zusammengeführt wurden. Das Gebäude an der Martin-Luther-Straße in Erbach hatte der Erste Kreisbeigeordnete offiziell im September 2025 eröffnet.
Mehr über das vielfältige VHS-Programm gibt es auf der Seite www.vhs-odenwald.de. Dort stehen auch alle Kontaktdaten.
