Neulich in der Odenwaldbahn zwischen Bad König und Höchst. Zwei Wanderer um die 40 sitzen sich gegenüber. Das Wetter war perfekt für eine längere Tour. Einer sagt: „Echt schön hier. Könnte mir vorstellen, hier zu leben.“ Sein Begleiter schaut ihn irritiert an: „Wandern ja – aber hier leben? Nee. Viel zu provinziell.“
Da dreht eine junge Frau zu ihnen um. Sie steht schon im Gang, wie sie gleich aussteigen will. „Entschuldigung, provinziell ist höchstens Ihr Klischee“, sagt sie lächelnd. „Hier entstehen Ideen, hier werden Millionen investiert, hier packen Menschen an.“ Sie verlässt den Zug. Er fährt weiter – und mit ihm ein Weltbild, das erste Risse bekommt.
Zugegeben, eine fiktive Szene. Aber eine, die ein Vorurteil gut umschreibt, wie es oft aus urbaner Sicht vorherrscht: Ländliche Räume sind zwar idyllisch, aber wenig dynamisch. Genau hier setzt die Abteilung Dorf- und Regionalentwicklung des Landratsamts an. Das Team von Brigitte Lachnit gestaltet Zukunft, bringt Fördermittel von Europäischer Union, Bund und Land in die Region, stößt Projekte an und sorgt dafür, dass aus guten Ideen konkrete Vorhaben werden.
Je nach Fachgebiet gibt es auch in anderen Abteilungen des Landratsamts Expertinnen und Experten für Fördergelder. „Ein gutes Fördermittelmanagement ist mitentscheidend für die Zukunft ländlicher Räume, nicht nur in der Landwirtschaft oder beim Glasfaserausbau“, so Landrat Frank Matiaske. „Auch unsere Abteilung Dorf- und Regionalentwicklung leistet hier Hervorragendes. Das kann man an vielen Beispielen in unserem Kreis festmachen, die ohne diese Arbeit so vielleicht nicht entstanden wären. Das Team ist mit allen relevanten Akteurinnen und Akteuren im ganzen Kreis gut vernetzt und seine Arbeit genießt durchweg hohes Ansehen. Für diese wichtige Arbeit danke ich allen Beteiligten.“ Lachnit freut sich, dass sie und ihre Mitarbeitenden die Ansprechpartner vor Ort sein können: „Das ist eine Besonderheit gegenüber anderen Förderprogrammen.“
Seit 2020 mehr als zehn Millionen Euro bewilligt
Es geht durchaus um große Summen, das dem Odenwaldkreis im Rahmen der Dorf- und der Regionalentwicklung zugutekommen. Von 2020 bis 2025 waren in beiden Fördersträngen zusammen insgesamt rund 10,6 Millionen Euro bewilligt worden. „Das ist sehr viel Geld, das immer ein Ziel hat: einen zukunftsfähigen und attraktiven Lebens- und Wirtschaftsraum in unseren Städten und Dörfern zu schaffen und zu erhalten“, so Landrat Matiaske. „Ausdrücklich danke ich allen Kommunen, Vereinen, Unternehmen oder Privatleuten, die sich um die Fördergelder bemühen, denn sie müssen auch immer einen Eigenanteil finanzieren. Dass sie dazu bereit sind, zeigt ihre Identifikation mit dem Leben im Odenwaldkreis.“
Lachnit hebt hervor: „Durch die Investitionen an Wohn- und Nebengebäuden in den Fördergebieten, gerade auch im Privatbereich, wird das regionale Handwerk gestärkt und regionale Wertschöpfung geschaffen.“
Spitzenreiter in der Dorfentwicklung waren die Jahre 2022 und 2024, als Fördermittel in großer Höhe für die Neugestaltung des Montmelianer Platzes in Höchst beziehungsweise für die Sanierung des Bahnhofs in Hetzbach bewilligt worden waren. Für die Platzgestaltung gab es rund 1,2 Millionen Euro. „Das war die höchste Fördersumme in der Dorfentwicklung, die je Odenwaldkreis in ein Projekt geflossen ist“, hebt Brigitte Lachnit hervor.
Dorfentwicklung – ein engagiertes Gemeinschaftsprojekt über sechseinhalb Jahre
Zur Systematik: Einerseits gibt es die Dorfentwicklung als hessisches Landesprogramm und andererseits die Regionalentwicklung, in dessen Rahmen Gelder aus LEADER, einer Förderstrategie der Europäischen Union, vergeben werden. Für beide ist Lachnits Abteilung zuständig, von der formalen Antragsberatung bis zur Bewilligung und Auszahlung der Mittel.
Um an Mittel für die Dorfentwicklung zu kommen, muss eine Kommune vorab und unter Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern ein kurzes, prägnantes Entwicklungskonzept geschrieben haben, das vom Land Hessen anerkannt werden muss. Dieses Konzept bildet den Rahmen für die Projektentwicklung und -umsetzung. Binnen sechseinhalb Jahren können im Rahmen des Programms aktiv Förderanträge gestellt werden. Die Laufzeit, bis die Projekte umgesetzt und abgewickelt werden, geht noch etwa fünf Jahre länger. Außer vom Land stammen die Fördergelder auch von der Europäischen Union und vom Bund.
„Zahlreiche erfolgreiche Projekte aus früheren Dorferneuerungen in unserem Landkreis zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser gemeinschaftlichen Entwicklung steckt“, so Landrat Matiaske. Gerade zu Ende gegangen ist das Programm in Oberzent und in Höchst. Aktuell sind Bad König und Fränkisch-Crumbach in der Dorfentwicklung aktiv, und Brombachtal hat jüngst ein Kommunales Entwicklungskonzept für die Anerkennung als Förderschwerpunkt ab 2026 abgegeben.
Gefördert werden können zum Beispiel Maßnahmen zur Innenentwicklung, zur Stärkung der dörflichen Gemeinschaft, zur Sicherung der Grundversorgung, zur Umnutzung ortsbildprägender Gebäude sowie zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität in den Ortskernen. Auch private Vorhaben sowie bürgerschaftliches Engagement oder Dienstleistungen für Beratung und Moderation können gefördert werden.
Beispiele dafür aus der jüngsten Zeit sind außer dem Montmelianer Platz und dem Bahnhof in Hetzbach die neuen Dorfmittelpunkte in Hassenroth und Hummetroth sowie ein kleiner Dorfplatz in Momart. Derzeit wird in Fänkisch-Crumbach die Fenster- und Fassadensanierung am denkmalgeschützten Rathaus geplant. Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm ist die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung der Bevölkerung sowie zur nachhaltigen und zukunftsorientierten Entwicklung der Ortsteile. In ganz Hessen stehen in den nächsten Jahren jährlich durchschnittlich rund 33 Millionen Euro an Fördermitteln für die Dorfentwicklung zur Verfügung.
Zu den Aufgaben der Abteilung Dorf- und Regionalentwicklung gehört auch die Durchführung des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“. „Hier wird ebenfalls deutlich, wie sehr sich die Bürgerinnen und Bürger für ihr Dorf, ihren Stadtteil einsetzen“, so Lachnit.
Regionalentwicklung – große Hilfe für Kleinstunternehmen
Das Fundament des Förderstrangs Regionalentwicklung ist wie gesagt die LEADER-Strategie. Das Geld stammt aus dem Europäischen Landwirtschaftsfond (ELER). In ganz Hessen gibt es 24 LEADER-Regionen, in denen eigene Organisationen die Förderungen koordinieren. Im Odenwald ist dies die in Erbach ansässige Interessengemeinschaft Odenwald (IGO), der Landrat Matiaske vorsitzt. Mit der IGO arbeitet das Team von Brigitte Lachnit eng zusammen, schätzt die Förderfähigkeit der Projekte ein und berät; am Ende bewilligt es die Fördermittel und zahlt sie aus.
Eine Besonderheit ist, dass die LEADER-Region Odenwald nicht nur aus den Städten und Gemeinden des Odenwaldkreises besteht, sondern auch aus den Odenwälder Kommunen im Kreis Bergstraße. Die Personalkosten der IGO werden ebenfalls aus dem LEADER-Programm gefördert. Im Fokus stehen aber auch hier die einzelnen Projekte. Beispielsweise wurden jüngst LEADER-Mittel für eine Outdoor-Fitnessanlage des TSV Kirch-Brombach bewilligt, schon umgesetzt ist etwa die Schaffung von Ferienwohnungen in Michelstadt, eine energieeffiziente Schwimmbadtechnik in Beerfurth und ein Dorfladen in Lützelbach. Für Kleinstprojekte hat die IGO überdies ein separates Regionalbudget.
LEADER steht für „Liaison Entre Actions de Développement de l’Économie Rurale“, ist also ein Instrument zur Förderung ländlicher Entwicklung, explizit mit einem Blick auf die Wirtschaft. Gefördert werden unter anderem Investitionen in Infrastruktureinrichtungen, Vorhaben der Daseinsvorsorge sowie die Gründung und Entwicklung von Kleinstunternehmen, gerade auch in der Gastronomie. „Das ist gelebte Wirtschaftsförderung und ergänzt unsere kreiseigene Arbeit für die Unternehmen sehr gut“, lobt Landrat Matiaske.
In der Regionalentwicklung gibt es hin und wieder auch Sondermittel des Bundes für ländliche Räume. Ein Beispiel dafür ist das Café Endlich in der Altstadt von Bad König. Aus einer Scheune samt Schweinestall haben Gabriele Carnier und Sabine Grewing vor gut fünf Jahren ein liebevoll geführtes Café und Bistro gemacht. Damals wandten sich die beiden Frauen an Lachnits Abteilung. Nach einer eingehenden Beratung stand am Ende ein bewilligter Förderantrag. Auch die Gründerberatung der kreiseigenen Wirtschaftsförderung stand den beiden Gründerinnen zur Seite.
„Die Regionalentwicklung bietet privaten Unternehmen, die einen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten wollen, wirklich ein breites Förderspektrum“, erklärt Brigitte Lachnit. „Dabei muss das Vorhaben einen Gewinn für die Region darstellen aber auch einen tragfähigen Businessplan vorweisen.“ Das Café Endlich wertet beispielweise die denkmalgeschützte Innenstadt von Bad König auf und dient als Treffpunkt für Jung und Alt.
Landrat Matiaske dankt den beiden Betreiberinnen bei einem Besuch für ihren „großen Mut, der seine Kraft bis heute aus einer Vision bezieht, etwas Besonders in und für Bad König zu schaffen“. Wie diese beiden Frauen gebe es viele Menschen im Odenwaldkreis, die Akzente setzen oder setzen wollen und dabei Unterstützung brauchen.
„Das Landratsamt leistet sie gerne und aus Überzeugung“, so der Landrat. „Schließich sind wir eine ,Progressive Provinz‘.“ Diesen Begriff des Zukunftsforschers Matthias Horx nutzt er gerne, um das Besondere des Odenwaldkreises zu beschreiben, das sich gerade in der Dorf- und Regionalentwicklung zeigt: „Wir verbinden, fördern und gestalten Tradition und Moderne, Bodenständigkeit und Innovation, Gemeinsinn und Eigeninitiative.“
