Ein Besprechungsraum im Jugendamt. Konzentriert stecken Julia Pohl und Lisa Berg ihre Köpfe zusammen, schließlich soll die Kampagne für die Kindertagespflege ein Erfolg werden. Ihre Ideen werden immer konkreter: ein Info-Stand auf Wochenmärkten oder Info- und Spielangebote auf Spielplätzen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Veranstaltungen sollen Teil der bundesweiten Aktionswoche „Gut betreut in der Kindertagespflege“ werden, die vom 4. bis 10. Mai stattfindet. Veranstalter ist der Bundesverband für Kindertagespflege, der diese Woche jährlich durchführt. Der Odenwaldkreis nimmt zum ersten Mal daran teil.
Auch Tagespflegeeltern haben schon Vorschläge gemacht. „Das freut uns sehr. Wir fragen auch noch andere, ob sie mitmachen möchten“, sagt Lisa Berg. Sie hat im Jugendamt die Fachberatung und Fachaufsicht über die Kindertagespflege inne. Julia Pohl leitet das Team „Besondere Soziale Dienste“, zu dem auch die Kindertagespflege gehört.
Landrat Frank Matiaske steht hinter der Teilnahme an der Aktionswoche: „Wir wollen verstärkt über die Kindertagespflege aufklären und sie bekannter machen, denn es gibt noch die ein oder anderen Vorbehalte gegen sie oder einfach ein Unwissen.“ Beispielsweise sei nicht bekannt genug, dass Kindertagespflegekräfte eine sehr umfangreiche Qualifizierung durchlaufen und jährlich einen Aufbaukurs besuchen können. Karina Glabisch, die Leiterin des Jugendamts, betont: „Kindertagespflege ist auch im Odenwaldkreis eine unverzichtbare Stütze für Familien. Und per Gesetz steht die Kindertagespflege für Kinder im Alter von einem Jahr bis drei Jahren gleichberechtigt neben Kitas oder Krippen.“
Aktuell betreuen 25 Kindertagespflegepersonen 75 Kinder
Im Odenwaldkreis gibt es derzeit 25 Kindertagespflegepersonen, 23 Frauen und zwei Männer. Insgesamt betreuen sie aktuell 75 Kinder. Nur sehr wenige sind älter als drei Jahre. Das ist in ganz Hessen so: Nach Angaben des Statistischen Landesamts (Stand März 2025) sind von den rund 10.000 Kindern in der Kindertagespflege 9.200 unter drei Jahre alt; hessenweit gibt es 2.500 Tagespflegeeltern.
Dass Betreuungszeiten flexibel vereinbart werden können, ist einer der Vorteile der Kindertagespflege, wie Berg sagt. „Außerdem haben die Kinder eine feste Beziehungsperson und machen erste Gruppenerfahrungen in einem kleinen, überschaubaren Rahmen.“
Zentraler Bestandteil der Kindertagespflege ist frühkindliche Bildung. „Die Kindertagespflegepersonen begleiten die Kinder in ihrer Entwicklung, planen pädagogische Angebote und ermöglichen Kindern, eigene Erfahrungen zu machen und die Welt kennenzulernen“, erläutert Pohl. „In einem familiären Umfeld erfahren Kinder Alltagsbildung, die Voraussetzung für schulische Bildung ist.“
Die Kindertagespflege ist für Eltern in der Regel nicht teurer als ein Platz in einer Kindertageseinrichtung. Für ihre Arbeit bekommen die Kindertagespflegepersonen ein Entgelt von fünf Euro pro Kind und Stunde; das Geld kommt je zur Hälfte von den Eltern und vom Jugendamt. Maximal dürfen fünf Kinder gleichzeitig betreut werden. „Kindertagespflege ist für pädagogische Fachkräfte wie Erzieherinnen und Erzieher eine berufliche Alternative“, so Pohl. „Für Menschen ohne pädagogische Ausbildung ist sie eine Möglichkeit, einen pädagogischen Beruf auszuüben und mit Kindern zu arbeiten.“
AWO Odenwald mit Qualifizierung und Vermittlung beauftragt
Vermittelt werden Plätze in der Kindertagespflege über die AWO Odenwald im Auftrag des Jugendamts. Deswegen arbeiten Pohl und Berg mit der AWO auch bei der Planung der im Mai stattfindenden Aktionswoche zusammen.
Gemeinsam mit der AWO wird auch die für alle Kindertagespflegeeltern verpflichtende Grundqualifizierung mit rund 270 Unterrichtseinheiten durchgeführt. Dazu gehört eine Hospitanz bei einer schon tätigen Kindertagespflegeperson. „Das haben wir eigens eingeführt, denn bei einer solchen Hospitanz wird die Arbeit hautnah vermittelt“, schildert Berg. Wer die Grundqualifizierung erfolgreich mit einer Prüfung abschließt, bekommt die Pflegeerlaubnis. Diese wird immer für fünf Jahre erteilt. Bedingung dafür sind außerdem das Vorhandensein geeigneter, kindgerechter Räume, ein erweitertes Führungszeugnis, ein ärztliches Attest und ein alle zwei Jahre aufzufrischender Erste-Hilfe-Kurs am Kind. Berg prüft, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind.
„Die Qualifikation von Kindertagespflegepersonen wurde im Vergleich zu einer Zeit vor zehn, zwölf Jahren insgesamt spürbar intensiviert“, so Jugendamtsleiterin Glabisch. „Das ist richtig so, denn sie haben einen wichtigen Auftrag und Eltern sollen sich auf sie verlassen können. Wir im Odenwaldkreis nehmen das sehr ernst.“
Darüber hinaus wird jährlich ein Aufbaukurs angeboten, so dass sich die Kindertagespflegepersonen stets weiterbilden können. Der nächste Kurs findet im April statt. Es wird um den Umgang mit Tod und Trauer gehen. Eine Tagesmutter hatte sich selbst entsprechend fortgebildet und möchte nun andere Kindertagespflegeeltern darin schulen. „Wir freuen uns sehr, dass es diesen Kurs geben wird, denn Kinder werden in ihren Familien nun einmal mit Todesfällen konfrontiert.“
In den vergangenen Jahren war es in den Aufbaukursen zum Beispiel um Selbstfürsorge, die Gestaltung von Spielräumen für Kinder oder gewaltfreie Kommunikation gegangen. Ein weiterer Kurs drehte sich um das Erkennen von Kindeswohlgefährdungen und den richtigen Umgang damit. „Uns ist dieses Thema so wichtig, dass es jetzt Teil der Grundqualifizierung wird“, hebt Berg hervor.
Landrat Matiaske dankt den beiden Mitarbeiterinnen im Jugendamt und der AWO für ihren „engagierten Einsatz zugunsten einer gut aufgestellten Kindertagespflege im Odenwaldkreis“.
Austausch mit anderen Jugendämtern und dem Hessischen Kindertagespflegebüro
Lisa Berg steht in allen relevanten Fragen in einem guten Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Jugendämtern in Südhessen. „Das ist mir wichtig, denn wir können in der täglichen Arbeit voneinander profitieren“, hebt sie hervor. Vier Mal im Jahr gibt es gemeinsame Sitzungen, in denen über Angebot und Nachfrage von Kindertagespflege, Themen der Qualifizierung und vieles mehr gesprochen wird.
Die Gegebenheiten in einer ländlichen Region wie dem Odenwaldkreis konnte Berg im Rahmen von Expertengesprächen in eine hessenweite Befragung einbringen, die das Hessische Kindertagespflegebüro durchgeführt hat. Die Ergebnisse wurden im vergangenen Jahr vorgestellt. Eine Herausforderung im Odenwaldkreis sind Vertretungen, sollte eine Kindertagespflegeperson einmal ausfallen. Es gibt noch kein flächendeckendes Vertretungsmodell. „Das muss dann individuell geregelt werden“, so Berg. „Hier helfen wir gemeinsam mit der AWO, um Lösungen zu finden.“ Kreisweit haben drei Kindertagespflegepersonen eine Pflegerlaubnis als Vertretungskraft.
Mit dem Hessischen Kindertagespflegebüro ist Berg auch generell in Kontakt. Wichtig ist zum Beispiel das Angebot einer juristischen Beratung. „Es gibt hin und wieder Fälle, in denen ich darauf zurückgreife“, wie sie sagt.
Aber es geht auch um ganz praktische Unterstützung: Vor Pohl und Berg liegen zwei Päckchen, die gerade vom Kindertagespflegebüro gekommen sind – voll mit Plakaten, Flyern und anderem Info-Material. „Das haben wir mit Blick auf die anstehende Kampagne Anfang Mai bestellt. Gut, dass wir das schon einmal haben“, sagen sie. „Wir freuen uns schon sehr auf die Aktionswoche und die vielen Gespräche.“
