Auch kleine Angriffe können schmerzen

Austausch im Grünen: Marion und Ousmane Dieng im Gespräch mit Petra Karg von der WIR-Koordination des Odenwaldkreises.

Die Nachrichten aus den Vereinigten Staaten von Amerika über den Tod zweier Schwarzer bei Polizeikontrollen können Ousmane und Marion Dieng nur mit traurigem Kopfschütteln verfolgen. „Es ist einfach unverständlich, wie brutal die Polizisten gehandelt haben. Sie dachten, sie können machen was sie wollen“, sagt das in Erbach lebende Paar im Gespräch mit Petra Karg, die sich als WIR-Koordinatorin des Odenwaldkreises um das vielfältige Themenfeld Migration kümmert. Zugleich sind Ousmane und Marion Dieng froh darüber, dass sich so viele Menschen solidarisch mit den beiden Opfern und deren Familien sowie Flagge gegen Rassismus zeigen. „Das wird auch höchste Zeit. Es muss etwas geschehen“, sind sie mit Karg einer Meinung.

 

Abschätzige Bemerkungen und hartnäckige Vorurteile

 

Die Eheleute Dieng haben ihren eigenen Blick auf das Thema Rassismus. Nicht, dass sie persönlich unter tätlichen Attacken leiden mussten – weder Ousmane Dieng, der als 22 Jahre alter Mann aus Mauretanien zum Studieren nach Deutschland gekommen war und mittlerweile deutscher Staatsbürger ist, noch seine Ehefrau, eine gebürtige Odenwälderin. Aber auch kleine Angriffe können schmerzen: abschätzige Bemerkungen oder Blicke, auch im Bekanntenkreis, hartnäckige Vorurteile, die nur mühsam aufgelöst werden können. Das geht so weit, dass das Paar weiß, in welchen Regionen Deutschlands es lieber keinen Urlaub machen will.

 

„All das zeigt, dass es Rassismus auch in unserem Alltag gibt“, so Karg. Dem stimmt Ousmane Dieng zu, findet es aber auch wichtig zu differenzieren: „Entscheidend ist, welche Absicht hinter einer Aussage steckt. Wenn jemand mir gegenüber unachtsam das Wort ,Neger‘ gebraucht, kann ich das noch hinnehmen, auch wenn mich die Wortwahl sehr stört. Das sage ich dann auch. Etwas Anderes ist es, wenn jemand wirklich rassistisch ist und beispielsweise aus ,Neger‘ schnell ,Nigger‘ wird. Dann ist ganz klar eine Grenze überschritten. Dann stehen Begriffe und Sprüche am Anfang einer Entwicklung, die auch zu tätlichen Angriffen führen kann.“

 

 

„Interkulturelle Kompetenz schon in Kindergarten und Schule einüben“

 

Wie die Diengs ist auch Karg der Auffassung, dass Menschen schon sehr früh dafür sensibilisiert werden müssen, wie sie über andere Menschen denken und sprechen, besonders über jene, die ihnen fremd erscheinen. „Diese interkulturelle Kompetenz muss schon im Kindergarten und in den Schulen eingeübt werden“, sagen alle drei. „So kann eine Haltung des Respekts, aber auch der Neugier entwickelt und kultiviert werden.“

 

Einen Beitrag zu mehr Verständigung zwischen Afrikanern und Deutschen leisten die Diengs dadurch, dass sie in der Musikgruppe „Bingoma“ mitmachen und so afrikanische Kultur vermitteln. „Solche Initiativen mögen klein erscheinen, sie leisten aber einen immens wichtigen Beitrag, indem sie unterschiedliche Menschen zusammenbringen und den Austausch fördern“, hebt Karg hervor.

 

Zurück zu den Vereinigten Staaten: Für Ousmane Dieng gehört es dort zu den wichtigsten Aufgaben, die Situation der schwarzen Bevölkerung zu verbessern. „Sie sind größtenteils zu wenig gebildet und leben in Armut. Das muss sich ändern – genauso wie die Auffassung vieler Weißer, über sie dominieren zu können. Diese Debatte beschäftigt Amerika schon lange und ist noch nicht zu Ende. Das zeigen die jetzigen Demonstrationen sehr deutlich.“

 

Vor Rassismus sei aber kein Kontinent gefeit, fügt er hinzu. „Auch Afrika nicht.“ Als Beispiel nennt Dieng den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994, dem schätzungsweise bis zu einer Million Menschen zum Opfer gefallen waren. „Dieser Genozid war klar rassistisch motiviert: Eine Bevölkerungsgruppe fühlte sich einer anderen überlegen und machte ihr deswegen den Garaus.“ Gegen Rassismus müsse weltweit vorgegangen werden.

 

Zu solch tragischen Entwicklungen sei es in seinem Herkunftsland nicht gekommen, aber auch in Mauretanien müssten sich die arabisch geprägten und die schwarzafrikanisch geprägten Bevölkerungsgruppen miteinander arrangieren. „Nur so kann die Gefahr ethnisch, das heißt letztlich rassistisch begründeter Auseinandersetzungen gebannt werden“, so der Sechsundfünfzigjährige.

 

Bi-nationale Paare als Zeichen gegen Rassismus

 

Dieng war als junger Mann aus dem westafrikanischen Land für ein Maschinenbau-Studium nach Köln gegangen. Danach war er zum Arbeiten wieder nach Mauretanien zurückgekehrt, ebenso wie nach einem zweiten Studium in Frankfurt im Fach Wirtschaftsingenieurwesen. Doch seit 2004 lebt er in Deutschland, vor 13 Jahren lernten er und seine Frau sich bei einer Hochzeitsfeier eines gemeinsamen Bekannten in Güttersbach kennen und heirateten ein Jahr später. Seinerzeit war er bereits Deutscher, nachdem er sich bewusst für eine Einbürgerung entschieden hatte. Er arbeitet als Montageleiter bei der Firma Koziol, sie ist Palliative Care Fachkraft im Rotary Hospiz.

 

Von den Angehörigen ihres Mannes in Mauretanien fühlte sich Marion Dieng von Anfang an gut aufgenommen. „Es gibt viele bi-nationale Paare wie wir“, sagt sie. „Wenn die Partner sich auf Augenhöhe begegnen, wie das ja in jeder Beziehung der Fall sein sollte, und keiner meint, mit seiner Herkunftskultur die des Partners dominieren zu können, sind gerade diese Partnerschaften gelungene Beispiele für ein Zusammenleben über kulturelle Grenzen hinweg und können ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus sein.“

 

„Im Odenwaldkreis leben Menschen aus vielen Nationen“, so Landrat Frank Matiaske. „Mir persönlich liegt sehr viel daran, dass sie sich hier willkommen geheißen fühlen.“ Ohne diese Mitbürgerinnen und Mitbürger würde unser Kreiskrankenhaus morgen früh nicht seine Pforten öffnen, die Betriebe unserer Region würden ihre Produkte nicht produzieren und an keiner Baustelle würde mehr etwas gebaut, betont er. „Diese Beispiele zeigen, wie wichtig ein gutes Zusammenleben ist. Wohl fühlt man sich aber auch nur dort, wo man nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern eine zweite Heimat findet.“  

 

Angeregt durch den Austausch mit Ousmane und Marion Dieng plant WIR-Koordinatorin Karg für die Zeit nach den Corona-Beschränkungen eine Zusammenkunft mehrerer bi-nationaler Paare im Odenwaldkreis: „Mit einem solchen Treffen können wir zeigen, wie vielfältig unsere Region ist und dass auch in ihr für Rassismus kein Platz ist.“ Interessierte Paare können sich schon jetzt unter p.karg@odenwaldkreis.de melden.

 

 

 

 

 


18.06.2020


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen