Ein schwerer Kampf zurück ins Leben

Familienmensch: Mechthild Pätz in ihrer Wohnung vor einem Regal mit Fotos von Angehörigen. Von ihrer Covid-19-Erkrankung genesen, freut sich die Fünfundachtzigjährige, wieder zu Hause zu sein.

„Der Horror“. So nennt Mechthild Pätz die sieben Tage im April, in denen ihr Leben an einem seidenen Faden hing. „Es war, als lebte ich in einer Parallelwelt.“ Das Corona-Virus hatte sie fest im Griff. Das, was in ihrem Zimmer auf der Covid-Station des Kreiskrankenhauses um sie herum geschah, nahm sie nur noch wie in einem Nebel wahr. Die Ärzte und Krankenschwestern, die sich um sie kümmerten. Die Gabe von Medikamenten. Die Weiterbehandlung mit der Dialyse, die sie schon seit langem braucht. Das Warten auf Besserung. Das Alleinsein. Schmerzen.

 

Seit drei Wochen ist Mechthild Pätz wieder in ihrer Wohnung in Erbach. Sie hat das Virus besiegt und schaut wieder nach vorn. Noch ist sie nicht ganz bei Kräften, aber sie erholt sich zusehends. „Es war ein schwerer Kampf“, sagt die 85 Jahre alte Frau. Er hat ihr zugesetzt, nicht nur körperlich. „Die Krankheit hat mich innerlich verändert. Ich bin viel ernster geworden.“

 

Erst nach sieben schweren Tagen war sie langsam wieder zu Sinnen gekommen. „Es fühlte sich zwar so an, als hätte ich einen Zementring um den Kopf, aber ich wusste wieder, wer ich war und wo ich war.“ So erfuhr sie vor allem in Gesprächen mit ihrem Dialyse-Arzt Dr. Jürgen Kupka, wie gefährdet ihr Leben tatsächlich war. „Manche hatten mich wohl tatsächlich schon aufgegeben.“

 

„Auch ich befürchtete tatsächlich, dass Sie diesen Infekt nicht überleben wird“, sagt Kupka. Er kennt mehrere ältere Patienten mit akuten Covid-Krankheitsverläufen: „Deren Zustand verschlechterte sich teilweise innerhalb von wenigen Stunden dramatisch, die Patienten mussten intubiert und beatmet werden oder verstarben. In meiner langjährigen Berufstätigkeit habe ich in so kurzer Zeit noch nie so viele schwere und auch fatal endende Krankheitsverläufe gesehen.“

 

Dialyse-Arzt veranlasst Virus-Test

 

Bei Mechthild Pätz hatte alles Ende März/Anfang April angefangen. Sie dachte, sie habe eine harmlose Grippe. Sie fühlte sich aber immer schlechter. Ihr Dialyse-Arzt nahm das sehr ernst und veranlasste einen Corona-Virus-Test. Er fiel positiv aus. Wann und wo sie sich angesteckt hatte, kann sie nicht genau sagen.

 

Schließlich ging es nicht anders, sie musste in die Klinik. Sie wusste kaum, wie ihr geschah. Erst kamen schlimme Alpträume in jeder Nacht. Dann jene sieben Tage, in denen es ihr sehr schlecht ging. „Schwere Infektionen – wie mit dem Corona-Virus – können durch freigesetzte entzündungsvermittelnde Substanzen wie bei Frau Pätz die Gehirnfunktion derart schwer beeinflussen, dass die Patienten regelrecht desorientiert sind“, erläutert Kupka. Nach einer weiteren Phase mit schrecklichen Träumen trat dann langsam eine Besserung ein. Insgesamt lag Mechthild Pätz drei Wochen im Kreiskrankenhaus. „Zum Glück musste ich nicht auch noch auf die Intensivstation und beatmet werden.“

 

Lob für Ärzte, Schwestern und Pfleger im Kreiskrankenhaus

 

Auf die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger lässt sie nichts kommen. „Ich habe große Hochachtung vor dem, was sie für die Covid-Patienten tun, und ich danke ihnen allen sehr.“ Mechthild Pätz weiß, wovon sie spricht, denn sie ist selbst gelernte Krankenschwester. 40 Jahre lang hat sie in dem Beruf gearbeitet, vor allem im St. Georgs-Krankenhaus in Hamburg. Dort hat sie unter anderem 1986 eine der ersten ambulanten Aids-Stationen in der Stadt mit aufgebaut. „Es war damals ein wenig so wie heute in der Corona-Krise. Wir wussten fast nichts über das Aids-Virus und wie man es bekämpfen kann. Bis es eine Therapie gab, vergingen Jahre. Hoffentlich geht das jetzt schneller.“

 

Hamburg war ihr und ihrer Familie nach der Flucht aus Schlesien im Jahr 1945 und mehreren kürzeren Lebensstationen in Thüringen und Berlin zur neuen Heimat geworden. Nach Erbach ist sie vor fünf Jahren gekommen – in die Nähe ihres Sohnes, der ebenfalls im Odenwald lebt. Zehn Jahre alt war Mechthild Pätz, als sie mit ihrer Mutter fliehen musste. Ihr Vater war im Krieg. „Wir haben viel durchgemacht, aber wir hatten einen festen Überlebenswillen. Vielleicht hat der mir ja auch jetzt wieder geholfen.“

 

„Eine sehr, sehr dunkle Zeit“

 

Er war auf jeden Fall stärker als jener Moment der Kraft- und Mutlosigkeit im Krankenhaus, in dem Mechthild Pätz keinen Sinn mehr in ihrem Leben sah und es am liebsten beendet hätte. Auch darüber spricht sie freimütig. „Es war nun einmal eine sehr, sehr dunkle Zeit. Sie bringt auch solche Gedanken hervor.“

 

Zu der Ungewissheit, wie es mit ihr weitergeht, kam die Isolierung in einem Einzelzimmer. „Ich weiß natürlich, dass das nötig und richtig war, aber ich konnte mich mit niemandem richtig unterhalten.“ Der einzige Kontakt zu ihren Kindern und zu Freunden war ihr Handy, das sie immer fest umklammerte. Auch als es ihr sehr schlecht ging. „Das war wie ein Anker für mich.“

 

Als klar war, dass sie ihren Kampf gegen das Virus gewinnen würde, hatte sie nur noch einen Wunsch: „Ich wollte nach Hause.“ Vom Kreiskrankenhaus fühlte sie sich auch bei diesem Schritt gut begleitet. „Ich wurde gefragt, wer sich um mich kümmert und ob ich Unterstützung brauche“, lobt Pätz. „Das wäre in einer großen, unpersönlichen Klinik so nicht passiert.“

 

Froh über rasche Genesung

 

Das erste, was sie in ihrer Wohnung gemacht hat, war, sich aus Eckernförde einen Aal zu bestellen und zuzubereiten. „Verrückt, oder? Aber das musste einfach sein“, sagt sie und lacht. So geht Mechthild Pätz Schritt für Schritt in ihr Leben zurück. Auch für Dr. Kupka war es eine „große Erleichterung und Freude“ zu sehen, wie rasch sich seine Patientin erholt hat, schon im Krankenhaus. „Die Lungenfunktion hatte sich unerwartet schnell verbessert, die Kräfte und auch die mentalen Fähigkeiten kehrten ebenfalls schnell zurück.“

 

Aber noch ist bei Mechthild Pätz die Last der schweren Erkrankung zu spüren – zumal sie Menschen kennt, die positiv auf das Virus getestet worden waren, ebenso heftig erkrankten wie sie und gestorben sind.  „Umso weniger kann ich Demonstranten verstehen, die nun überall protestieren und ,Freiheit, Freiheit‘ schreien. Die Einschränkungen im Alltag sind im Vergleich zu dem, was schwer an Covid-19 Erkrankte durchmachen, ein Witz.“

 

 

 

 


02.06.2020


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen