Serie Europa und der Odenwald (4): Die Firma Bechtold & Sohn agiert international

Sprechen über eines der zahlreichen Produkte von Bechtold & Sohn: Unternehmenschef Wolfgang Bechtold (links) und Abteilungsleiter Jerome Graser in der Produktionshalle des Unternehmens in Oberzent-Beerfelden.

Alle zwei Wochen unternimmt Wolfgang Bechtold eine kleine Reise – dienstlich, versteht sich. Schließlich muss auch im Betrieb in Kralovice alles stimmen. In der westlich von Prag bei Pilsen gelegenen Kleinstadt unterhält sein Unternehmen Bechtold & Sohn schon seit 1998 eine Fertigungsstätte. Dort produziert der Mittelständler mit rund 70 Mitarbeitern Kunststoffprodukte verschiedenster Art, genauso wie in der Firmenzentrale in Oberzent-Beerfelden, in der 85 Männer und Frauen beschäftigt sind.

 

Bechtold & Sohn beliefert Automobilzulieferer genauso wie Medizintechnik-Hersteller sowie die Chemie- und die Lebensmittelindustrie in aller Welt. Die Zahlen sind beeindruckend: „Wir stellen zum Beispiel jährlich mehr als fünf Millionen Wunddrainage-Flaschen her und sind damit einer der bedeutendsten Produzenten in Europa“, schildert Bechtold. Auch bei anderen Produkten – etwa Reifenreparatur-Sets oder Flüssigseifenbehältnisse für Autobahn-Raststätten – ist das Unternehmen führend.

 

Besonders am Beispiel der Wunddrainage-Flaschen kann Bechtold deutlich machen, wie sehr sein Unternehmen auf einen grenzenlosen Warenverkehr in Europa angewiesen ist. „Die Flaschen werden in Kralovice für eine Firma in Barcelona hergestellt. Alle zehn Tage werden sie von Tschechien nach Spanien transportiert.“ Bechtold kennt noch die Zeiten, in denen es wegen der Abfertigung der Lastwagen an der tschechisch-deutschen Grenze zu langen Wartezeiten kam („Da ist viel Geld kaputt gegangen.“) und in denen für jede Lieferung aus Beerfelden ins Ausland ein Zoll-Stempel nötig war. „Diese Zeiten sind dank der Europäischen Union vorbei, und ich hoffe inständig, dass sie nicht zurückkehren“, sagt Bechtold.

 

Das sieht auch die Industrievereinigung Odenwaldkreis (IVO) so. „Zahlreiche Unternehmen im Odenwald haben Geschäftsbeziehungen ins europäische Ausland. Das gilt für Produzenten von Gebrauchs- oder Designartikeln aus Kunststoff ebenso wie für die großen Hersteller von Reifen, Bügeleisen oder elektronischen Steuerungen für Roboter“, sagt Jürgen Walther, der Vorsitzende des Unternehmerverbands, zu dem rund 200 Firmen aus dem ganzen Kreisgebiet gehören. Walther hebt hervor, dass Firmen im europäischen Ausland sowohl als Zulieferer als auch als Abnehmer für die mittleren und kleinen Betriebe der Region bedeutsam seien. „Manch hoch spezialisierter Produzent von Nischenprodukten findet erst durch die Größe der EU ein attraktives Potential an Kunden.“

 

In der IVO ist auch Wolfgang Bechtold aktiv: Er gehört zum Vorstand des Verbands. Dass es andere Staaten Großbritannien gleichtun und aus der EU austreten wollen, will er nicht völlig ausschließen. „Aber das wäre fatal. Alle Länder sind gut beraten, bei der Stange zu bleiben.“ Direkte Auswirkungen hat der Brexit auf sein Unternehmen nicht, wie er sagt. „Für manche unserer Kunden aber schon. Darauf müssen wir uns einstellen, ohne dass heute schon klar ist, was das konkret bedeutet.“

 

Für Bechtold, der 69 Jahre alt ist und das im Jahr 1885 gegründete Familien-Unternehmen in vierter Generation führt, besteht die Europäische Union aber aus mehr als „nur“ aus dem freien Warenverkehr. „Sie dient einem wichtigen Ziel: der Völkerverständigung.“ Bechtold findet, dass mehr dafür getan werden müsste, dass das gegenseitige Verständnis wachse und nicht jede Nation „ihr eigenen Süppchen kocht“. Es herrsche zwar seit mehr als 70 Jahren Frieden in Europa. „Das ist ein großes Geschenk, selbstverständlich aber ist es nicht“, mahnt er.

 

Konkrete Schritte zu mehr Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen unternimmt Bechtold, indem er einen guten Kontakt zum Bürgermeister von Kralovice und zu dem Landrat der dortigen Region hat. „Mich interessiert, was dort geschieht.“ Zum anderen nutzt Bechtold Veranstaltungen der Deutsch-Tschechischen Handelskammer, um Beziehungen zu pflegen. Mit seinen Kollegen will er unter anderem über seine Idee sprechen, dass ein junger Mann oder eine junge Frau aus Tschechien eine Ausbildung im Werk in Beerfelden machen kann und wie man dies gut vorbereiten kann.

 

Bechtold tauscht sich schon lange mit den Schulen im Odenwald aus, um dem Fachkräftemangel im Beruf „Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuk“ begegnen zu können – vor allem mit dem Beruflichen Schulzentrum Odenwaldkreis in Michelstadt und der Oberzent-Schule in Beerfelden. „Weil aber auch in unserem Werk in Kralovice Fachkräfte fehlen, wäre es ideal, einen jungen Menschen von dort bei uns auszubilden.“

 

Nicht auszuschließen ist, dass Oberzent für Kralovice auch kommunalpolitisch interessant ist. Die Kommune erwägt einen ähnlichen Fusionsprozess, wie Oberzent ihn vor gut einem Jahr erfolgreich abgeschlossen hat, wie Bechtold berichtet. Entsprechende Unterlagen hat er dem Bürgermeister von Kralovice jedenfalls schon gegeben und ihn nach Oberzent eingeladen. Bechtold weiß: „Die Europäische Union findet nicht nur auf der großen Bühne statt, sondern vor allem auf den vielen kleinen Bühnen.“

 

Bisher erschienen: Teil 1
(International gut vernetzt - Partnerschaften mit Städten und Regionen)

 

Bisher erschienen: Teil 2 
(„Ein Erfolgsmodell, das wir fortführen müssen“)

 

Bisher erschienen: Teil 3
(Millionen für Landwirtschaft, Regionalentwicklung und Gründer)


29.04.2019


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen