Siebenhundert Symbole für Selbstbewusstsein und Solidarität

Wer das Büro von Petra Karg betritt, denkt an manchen Tagen, er sei in einem Textilgeschäft. Immer wieder bekommt die Gleichstellungsbeauftragte des Odenwaldkreises aufwendig gestrickte, gehäkelte und genähte Woll- und Stoff-Quadrate, die sich in einer Ecke stapeln. Um wieder Platz zu haben, bringt Karg die 50 mal 50 Zentimeter großen Handarbeiten nach und nach in einen anderen Raum des Landratsamts. Rund 700 sind es schon, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Aufbewahrt werden sie bis Mitte Juni, dann wird die Kampagne „Wir stricken unser Leben“ mit einer großen, öffentlichen Aktion in Erbach zu Ende gehen.

 

Anfang März 2017, am Internationalen Frauentag, hatte Karg die Kampagne angestoßen. Sie wird von mehr als 20 Institutionen getragen, unter anderem von der Frauenkommission des Kreises, mehreren Frauen-Organisationen und Strickkreisen. Mehr als 100 Frauen und Männer machen aktiv mit. Hinzu kommen zahlreiche Besucherinnen und Besucher, die Karg in Veranstaltungen erreicht. „Die Aktion ist ein großer Erfolg“, kann sie mit Recht zum diesjährigen Internationalen Frauentag berichten, der am Samstag in Michelstadt begangen wurde.

 

Die Kampagne verfolgt mehrere Ziele: Zum einen sollen die Frauen über das Stricken dazu ermutigt werden, die Fäden ihres Lebens in die Hand zu nehmen und sich von Bevormundung oder von Gewalt freizumachen. Jede vierte Frau in Deutschland leide unter häuslicher Gewalt, so Karg. „Wir möchten, dass jede Frau erkennt: Ich kann meinen Lebensweg selbst gestalten und muss niemandes Opfer sein.“

 

Durch das Zusammennähen der einzelnen Woll- und Stoff-Quadrate zu Decken soll die Zusammengehörigkeit von Frauen symbolisiert werden und die Bedeutung von Schutz und Geborgenheit für jene, die unter Gewalt leiden müssen. Am Abend des 17. Juni werden die Decken im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung auf dem Erbacher Marktplatz verkauft – auch Ponchos, die derzeit aus den eingereichten Stoff-Quadraten entstehen. Der Erlös kommt dem Frauenhaus in Erbach zugute.

 

Angelehnt ist die Kampagne an die Aktion „Viva Vittoria“ in der norditalienischen Stadt Brescia, die Karg im Juni 2016 kennengelernt hatte. Im Odenwaldkreis hat sie die Idee gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen immer bekannter gemacht, nicht zuletzt bei Frauen mit einer Zuwanderungsgeschichte, etwa bei Russinnen in Michelstadt und türkischstämmigen Frauen in der Breuberger Ditib-Gemeinde. Über großes Engagement kann sich  Karg aber ebenso in der „Selbsthilfegruppe Angst, Panik, Depression“, beim Frauenfrühstück und den Philosophischen Strickabenden in Reichelsheim sowie der Ernst-Göbel-Schule in Höchst freuen.

 

Verbunden wurde die Kampagne überdies mit der Aktion „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“, die der Arbeitskreis „Gegen häusliche Gewalt“ im November 2017 gemeinsam mit mehreren Bäckereien in Odenwaldkreis veranstaltete. Karg nutzte zudem private Auslandsreisen, um in etlichen Gesprächen mit Einheimischen und Touristen für die Anliegen der Strick-Kampagne zu werben und sich über die Situation von Frauen vor Ort zu informieren. „Besonders spannend fand ich das gemeinsame Stricken mit einer Nomadin aus dem Iran und den Austausch über das Leben der Nomadenfrauen“, berichtet sie. „Menschen aus anderen Ländern sind in der Regel überrascht zu hören, dass auch in Deutschland Frauen häufig Opfer häuslicher Gewalt sind.“

 

Weitere Informationen über die Aktion „Wir stricken unser Leben“ erhalten Interessierte bei Petra Karg unter der Telefonnummer 06062 70-222 oder der E-Mail-Adresse p.karg@odenwaldkreis.de.


12.03.2018


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