Rund um die Uhr Hilfe in größter Not

Was im Notfall zu tun ist: In der Zentralen Leitstelle des Odenwaldkreises erläutert Schichtleiter Conrad Weselek (sitzend) die Arbeit eines Disponenten. Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst des Odenwaldkreises, Dr. Bernhard Krakowka, Landrat Frank Matiaske und Kreisbrandinspektor Horst Friedrich (von links) hören ihm aufmerksam zu.

Haben alles im Blick: Jochen Marx (vorne) und Jens Fischer an ihren Arbeitsplätzen in der Zentralen Leitstelle des Odenwaldkreises.

Wer die Telefonnummer 112 wählen muss, hat Schlimmes erlebt. Einen Notfall zuhause, einen schweren Unfall auf der Straße, einen Brand. Jedes Mal sind Menschen an Leib und Leben bedroht. Dafür, dass so schnell wie möglich die richtige Hilfe kommt, sorgt die Zentrale Leitstelle des Odenwaldkreises in Erbach. Insgesamt 14 Disponenten nehmen die Anrufe entgegen, immer zwei in einer Schicht. Die Leitstelle ist rund um die Uhr und an jedem Tag im Jahr besetzt.

 

Landrat Frank Matiaske würdigt die „hervorragende Arbeit“ des Personals. Am Dienstag  hat er die Leitstelle gemeinsam mit Dr. Bernhard Krakowka, dem Ärztlichen Leiter Rettungsdienst des Odenwaldkreises, und Kreisbrandinspektor Horst Friedrich besucht. Nicht ohne Grund: Matiaske ist seit Jahresbeginn der oberste Dienstherr der Disponenten, denn sie sind zum 1. Januar Bedienstete der Kreisverwaltung geworden und gehören nicht mehr zum Deutschen Roten Kreuz (DRK), dem seitherigen Arbeitgeber der Mitarbeiter. Krakowka und Friedrich hatten zwar schon in den vergangenen Jahren die Fachaufsicht über die Leitstelle inne und waren fachlich weisungsbefugt, nun sind sie aber als Leiter der Zentralen Leitstelle auch die Dienstvorgesetzten der Mitarbeiter. „Es ist für alle gut, dass das jetzt in einer Hand liegt“, sagt Krakowka.

 

Die Disponenten leisten Enormes: Sie müssen schnell und zugleich präzise sein und eine enorme Zahl von Anrufen bewältigen. „Das ist eine Arbeit mit psychischem Stress“, hebt Friedrich hervor. Im vergangenen Jahr wurden über die Leitstelle 20.000 Rettungsdiensteinsätze koordiniert und 1.300 Einsätze im Brandschutz. Zudem gingen fast 8.800 Hausnotruf-Alarme ein. Fast 2.000 Mal mussten Anrufer beraten oder weitervermittelt werden. „Das Aufgabenfeld für die Kollegin und die Kollegen ist sehr breit“, sagt Krakowka. „Es reicht von der Alarmierung der Rettungskräfte bei einem Großschadensereignis bis zur Telefonseelsorge.“ Hinzu kommen mehr als 70.000 Anrufe, beispielsweise von Einsatzleitern, die sich von einem Unfallort melden oder anderen Funktionsträgern von Rettungsdienst und Feuerwehr.  

 

Nach dem Hessischen Rettungsdienstgesetz sind die Landkreise seit 1990 für die Einrichtung und die Organisation der Zentralen Leitstellen zuständig. Der Odenwaldkreis ist seither zwar Träger der Leitstelle in Erbach, das Personal hatte aber weiter zum DRK gehört, das es dem Kreis im Zuge einer Gestellung überließ. Dieses Modell ist mit dem Jahreswechsel aufgrund des unterschiedlichen Tarifrechts verändert worden, wovon die Beschäftigten profitieren.

 

Der Wechsel des Personals in die Kreisverwaltung wurde im vergangenen Jahr vom DRK und dem Odenwaldkreis intensiv vorbereitet. Der Kreistag fasste im November einen entsprechenden Beschluss, denn die Stellen müssen auch im Haushalt abgebildet werden. „Dass die Entscheidung einstimmig fiel, zeigt, wie viel uns an der Leitstelle liegt“, so Matiaske. Mehrkosten entstehen dem Kreis aber nicht, denn bezahlt werden die Disponenten im Wesentlichen über die mit den Krankenkassen vereinbarte Leitstellengebühr, die für die Vermittlung der Einsätze von den Leistungserbringern wie dem DRK erhoben wird.

 

Derzeit sind es 14 Disponenten, zum Teil noch in Ausbildungn. „Doch auch diese Zahl wird auf Dauer nicht ausreichen“, hebt Krakowka mit Blick auf Urlaubszeiten, krankheitsbedingte Ausfälle und die große Zahl von Überstunden hervor. Krakowka ist unter anderem für das Personal und die Finanzen der Leitstelle zuständig und hat die Fachaufsicht über die Notfallmedizin. Friedrich kümmert sich vor allem um die technische Ausstattung und hat die Fachaufsicht über den Brand- und den Katastrophenschutz. Ihm zufolge steht in diesem Jahr ein Austausch der gesamten Computerhardware an, „und das bei laufendem Betrieb“. Den Großteil der Kosten dafür übernimmt das Land Hessen.

 

Vor Plänen, Leitstellen in Hessen zusammenzulegen, können Krakowka und Friedrich nur warnen: „Je größer die Einheiten sind, desto weniger kennen sie sich vor Ort aus.“ Dem stimmt Schichtleiter Conrad Weselek zu. „Gerade im Odenwaldkreis mit seinen kleinen Ortschaften sind Ortskenntnisse enorm wichtig.“ Gleichwohl kooperieren die Disponenten eng mit ihren Kollegen in Darmstadt und den Kreisen Darmstadt-Dieburg und Bergstraße. Die Fachleute halten auch nichts von Überlegungen, für Rettungsdienst und Feuerwehr getrennte Leitstellen einzurichten. „Wir sind oft gemeinsam in Einsätzen. Diese getrennt voneinander zu organisieren, würde nur Zeit kosten“, so Krakowka. Er ist Mitglied einer entsprechenden Arbeitsgruppe auf der Hessenebene.

 

Leitstellen-Personal zu finden, ist nicht einfach. „Der Markt ist leergefegt“, sagt Friedrich. Wer Disponent werden will, hat ursprünglich einen anderen Beruf und erwirbt eine Zusatzqualifikation. Allerdings wird in Hessen derzeit  daran gearbeitet, aus dieser Tätigkeit einen regulären Ausbildungsberuf zu machen. Krakowka behält diese Entwicklung im Auge. In der Erbacher Leitstelle kommen alle Beschäftigten aus dem Rettungsdienst, aber jeder von ihnen hat auch eine Gruppenführer-Ausbildung bei der Feuerwehr absolviert. Einige der Mitarbeiter sind zusätzlich ehrenamtlich bei einer der Freiwilligen Feuerwehren im Odenwaldkreis aktiv.

 

Was Krakowka Sorge bereitet, ist die steigende Zahl von Übergriffen auf Rettungskräfte, wie es sie auch im Odenwaldkreis gibt. „Das ist ein großes Thema.“ Die Rettungskräfte würden in absehbarer Zeit besonders darin geschult, deeskalierend zu wirken und angemessen mit körperlicher oder verbaler Gewalt umzugehen. „Außerdem verwendet die Leitstelle bei der Alarmierung schon jetzt bestimmte Schlüsselworte, so dass die Einsatzkräfte wissen, ob vor Ort Gefahr droht.“ Für Menschen, die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern, hat er nur eine Reaktion übrig: ein Kopfschütteln. „Zu wollen, dass Verletzte nicht gerettet werden, ist einfach nur unmenschlich.“

 


10.01.2018


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen